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„Der rote Berg“: Herbert Pelzer im Gespräch

Der Autor über seinen neuen Eifel-Roman, seine Verbindung zur Region und die Geschichten, die der rote Berg erzählt.

Autor Herbert Pelzer

Herbert Pelzer im Gespräch über seinen neuen Eifel-Roman

Herbert Pelzer, Jahrgang 1956, lebt auf dem platten Land vor den Toren Kölns und betätigt sich seit 2017 als Autor. Er hat bereits mehrere Eifelkrimis und Romane veröffentlicht. Sein neuestes Buch ist eine eindringliche Familiengeschichte, die tief in die deutsche Vergangenheit hineinführt – und zugleich Fragen an die Gegenwart stellt. Im Gespräch gewährt der Autor Einblicke in Entstehung und Anliegen seines Romans, der Ende April im Eifeler Literaturverlag erscheint.

Eine eindringliche Familiengeschichte aus der Nordeifel

Hauptfigur des Romans ist der junge Bertho Zündorf, dessen Lebensweg der Autor über mehrere Jahrzehnte verfolgt. Geboren 1927 im Eifeldorf Bergstein, wächst Bertho in einer Welt auf, die zunächst von den Jahreszeiten, der Familie und den dörflichen Traditionen geprägt ist. Bertho liebt das Alleinsein in der Natur und die harte Arbeit mit dem Vater und ihrem Pferd Fritz auf dem Feld. Er hört zu, beobachtet und ist zufrieden mit seinem ruhigen Leben in der Abgeschiedenheit der Eifel. Er ist kein Draufgänger, sondern ein Beobachter: „Geprägt von der selbstbewussten Klarheit seiner Eltern, von den Mythen und Legenden, die die Großmutter ihm erzählt und der großen Vaterlandsliebe des Großvaters wächst Bertho zu einem introvertierten Jungen heran. Wenn die anderen Dorfkinder sich lärmend vergnügen, zieht er sich zurück“, beschreibt Pelzer seinen Protagonisten. Diese stille Zurückhaltung wird im Verlauf der Handlung zu einer Art Schutzmantel, aber auch zu einer Herausforderung, denn mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten dringt die große Politik bis in die entlegensten Winkel vor – auch ins kleine, beschauliche Bergstein. „Schon bald darauf sind die Auswirkungen der rigiden Politik der Nationalsozialisten bis in sein Dorf, bis hinein in seine Familie spürbar“, erklärt Pelzer.

Die Familie Zündorf widersetzt sich dem Anpassungsdruck – mit Konsequenzen. Sie wird ausgegrenzt und steht unter verstärkter Beobachtung. Das Leben um sie herum wird zunehmend lauter, aggressiver, der stille Bertho zieht sich mehr und mehr in sich selbst zurück. Später, so berichtet der Autor, erinnere sich seine Figur „an finstere Jahre, die er als eine ekelhafte Zeit bezeichnet.“ Gleichzeitig findet Bertho kleine Inseln des Trostes. Eine davon ist die Begegnung mit Gloria, einem Mädchen aus dem fahrenden Volk. Auch sie gerät ins Visier der lokalen Machthaber – ein weiteres Beispiel dafür, wie Ideologie und Ausgrenzung den Alltag vergiften. Eine andere prägende Figur ist der exzentrische Maler Gustaf Heister, der nach seinen eigenen Regeln lebt. „Bertho ahnt zu dieser Zeit noch nicht, wie sehr dieser Mann sein Leben beeinflussen wird“, sagt Pelzer.

Inspiration aus dem wirklichen Leben

Dass Pelzer sich gerade dieser Epoche widmet, ist kein Zufall. Die nationalsozialistische Gewaltherrschaft sieht er als einen zentralen Bezugspunkt deutscher Geschichte: „Diese 12 Jahre mit all dem furchtbaren Leid haben die Menschen hier bis in die Nachkriegsgeneration hinein geprägt.“ Dabei verweist er nicht nur auf historische Daten, sondern auf konkrete Spuren im Alltag – Denkmäler, Kriegsgräberstätten, Orte des Erinnerns. Für ihn sind sie „stumme Zeugen in unserer Region, die uns an die Gräuel der Nazi-Zeit erinnern sollen.“ Doch Erinnerung allein genügt Pelzer nicht. Ihm geht es um das Erzählen individueller Schicksale. „Der persönliche Bezug macht diese Zeit greifbar“, betont er. Und genau hier setzt „Der rote Berg“ an: Nicht die große Politik steht im Vordergrund, sondern das Leben einer Familie, die zwischen Anpassung und Widerstand ihren eigenen Weg sucht.

Die Inspiration für den Roman kam überraschend. Pelzer berichtet von einem Anruf im Jahr 2021, kurz nach der Errichtung einer Gedenkstätte für gefallene Mitglieder der Hitlerjugend. „Ich habe gerade die Zeitung gelesen“, habe der Anrufer gesagt. „Den Artikel über die Hitlerjungen. Ich war auch einer von denen.“ Der Mann, 92 Jahre alt, stellte dem Autor seine Erinnerungen zur Verfügung. „Schon nach wenigen Sätzen des alten Mannes habe ich gewusst, dass ich seine Erinnerungen in einem neuen Roman verarbeiten wollte.“ Auch wenn Bertho Zündorf keine direkte Abbildung dieser Person ist, seien doch viele Eindrücke in die Geschichte eingeflossen.

Herbert Pelzer im Gespräch über seinen Roman „Der rote Berg“

„Der rote Berg“ ist damit weit mehr als ein historischer Roman oder ein Eifel-Roman. Er ist eine leise, eindringliche Erinnerung daran, wie fragil gesellschaftliche Ordnung und unser menschliches Miteinander sein kann – und wie wichtig es ist, Haltung zu bewahren.

Neben der historischen Dimension verfolgt Pelzer ein klares erzählerisches Ziel: Nähe schaffen. „Ich freue mich immer sehr, wenn mir jemand sagt oder auch schreibt, dass er ganz nah bei einem meiner Protagonisten war.“ Dieses Mitfühlen ist der Schlüssel, um Geschichte nicht nur zu verstehen, sondern emotional zu begreifen.

Was sagt uns Bertho Zündorfs Geschichte mit Blick auf die heutige Zeit? Und so stellt sich am Ende auch die Frage nach der Bedeutung der Geschichte rund um Bertho und sein Dorf Bergstein für heute. Pelzer formuliert sie bewusst zurückhaltend, aber deutlich:

„Wenn es also etwas gibt, das uns Berthos Geschichte in der heutigen Zeit sagen kann, dann, dass man nie seinen inneren Kompass verlieren sollte.“ Moral und Anstand seien keine Selbstverständlichkeiten, sondern Entscheidungen – oft unter schwierigen Bedingungen. „Dass man seinen Werten von Moral und Anstand treu bleiben soll, auch auf die Gefahr hin, dass es einem zum Nachteil gereichen kann.“

„Der rote Berg“ ist im Eifeler Literaturverlag erschienen und direkt unter www.eifeler-literaturverlag.de bestellbar.

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