| Winterwandern im Hohen Venn

Ein stilles Erlebnis in zeitlosem Weiß

Wer einmal im Winter durch das Hohe Venn gewandert ist, vergisst dieses Erlebnis und diesen Ort so schnell nicht wieder. Zwischen der StädteRegion Aachen und den Ardennen gelegen, erhebt sich das Hochmoor wie ein uraltes Relikt aus einer anderen Zeit, rau, still, eigenwillig und von einer Schönheit, die sich nur jenen zeigt, die bereit sind, sich auf sie einzulassen. Wenn Schnee und Frost das Venn überziehen, verwandelt sich die Landschaft in eine monochrome Welt aus Weiß und Grau, in Sphären aus glitzernden Eiskristallen und sanftem Nebel. Es ist ein Ort, an dem die Zeit langsamer vergeht und der eigene Atem sichtbar wird, an dem das Wandern zur Meditation werden kann.

Eine Welt aus gefrorenem Gras und glitzerndem Eis

Hohes Venn

Das Hohe Venn gehört zu den ältesten und ursprünglichsten Hochmooren Europas. Seine Geschichte reicht über zehntausend Jahre zurück in jene Zeit nach der letzten Eiszeit, als auf der wasserundurchlässigen Hochfläche zwischen Eifel und Ardennen allmählich die ersten Torfschichten entstanden. Jahrtausende vergingen, in denen Moose, Gräser und Bäume verrotteten, sich zersetzten und Schicht um Schicht jenes weichen, schwammigen Untergrunds bildeten, der das Venn bis heute prägt.

Ökologisch ist das Hochmoor von unschätzbarem Wert. Es speichert enorme Mengen Wasser und Kohlenstoff, wirkt wie ein natürlicher Schwamm und reguliert das Mikroklima weit über seine Grenzen hinaus. Zugleich ist es ein Lebensraum von seltener Empfindlichkeit, Rückzugsgebiet für Pflanzen und Tiere, die anderswo längst verschwunden sind. Torfmoose, Wollgräser und Moorbirken bestimmen das Bild; am Himmel kreisen Bekassinen und Wiesenpieper, und auch das fast aus dem Hohen Venn verschwundene Birkhuhn – immerhin das Wappentier des Naturparks – fasst dank eines Wiederansiedlungsprojektes wieder Fuß in der Region.

Dabei ist das Venn nicht nur ein Naturerlebnis, sondern auch ein Ort mit Geschichte. Über Jahrhunderte galt das Moor als unzugänglich und gefährlich. Schmuggler und Jäger kannten seine geheimen Pfade, Bauern mieden es wegen des unberechenbaren Bodens. Erst im 19. Jahrhundert begann man, das Gebiet systematisch zu erschließen und mit Bohlenwegen begehbar zu machen. Heute ist das Hohe Venn Teil eines grenzüberschreitenden Naturparks, der unter strengem Schutz steht. Viele Bereiche dürfen nur mit autorisierten Führerinnen und Führern betreten werden, um das empfindliche Ökosystem zu bewahren.

Botrange, Mont Rigi, Longfaye: Wanderrouten in Belgien

Idealer Ausgangspunkt für eine winterliche Entdeckungsreise durch das Hohe Venn ist das Gebiet rund um den Signal de Botrange, mit 694 Metern Belgiens höchste Erhebung. Von hier aus führen mehrere markierte Wege in die Weiten des Hochmoors, etwa die bekannten Holzsteg-Pfade durch das Brackvenn oder das Polleur-Venn. Besonders reizvoll ist die klassische Rundtour über die langen Bohlen, die sich sanft durch die offene Landschaft schlängeln und sich bei Schnee wie helle Linien durch das Weiß der Ebene ziehen. Wenn die Sonne flach über die Moorbirken fällt und sich Eisnebel über den Tümpeln bildet, offenbart sich die ganze stille Schönheit dieser Landschaft.

Wen es eher in die abgeschiedenen Winkel des Venns zieht, der findet zwischen dem Naturzentrum Haus Ternell bei Eupen und dem Höhenort Mont Rigi eine Route, die im Winter besonders stimmungsvoll ist. Durch lichte Fichten- und Birkenwälder führt der Weg über gefrorene Pfade und kleine Moorflächen, nur begleitet vom Knirschen des Schnees unter den Schuhen. Diese Strecke eignet sich auch für weniger geübte Wanderer und kann je nach Wetterlage als kürzere Rundtour gegangen werden. Haus Ternell bietet zudem geführte Winterwanderungen an, bei denen Besucher Spannendes über die Entstehung und den Schutz dieses empfindlichen Ökosystems erfahren.

Für erfahrene Wanderer und Naturbegeisterte mit winterfester Ausrüstung lohnt sich der Blick in den Randbereich des Hohen Venns, wo sich das Hochmoor mit den Wäldern der Eifel und den Tälern um Bevercé oder Longfaye verbindet. Diese Touren sind anspruchsvoller, führen über teils steilere Passagen und verlangen Trittsicherheit, doch sie belohnen mit weiten Ausblicken über gefrorene Täler, raureifbedeckte Bäume und die fast skandinavisch wirkende Einsamkeit der Landschaft. Wenn sich nach Stunden im Schnee die Dämmerung über das Land legt und die Kälte unter die Kleidung kriecht, wächst die Sehnsucht nach Wärme, Licht und gutem Essen. In den umliegenden Dörfern laden kleine Landgasthäuser und Chalets zum Verweilen ein, oft mit knisterndem Kaminfeuer, herzlicher Gastfreundschaft und jener typischen Ardenner Küche, die deftige Regionalität mit feiner Raffinesse verbindet. Wildgerichte, hausgemachte Suppen, Ardenner Schinken und belgisches Bier haben am Ende noch jeden Winterwandertag auf köstlich-authentische Weise abgerundet!

Ab in den Struffelt: Eine ganz besondere Landschaft zwischen Rott und Roetgen

Dort, wo die Hochmoorlandschaft sanft in die Wälder und Wiesen der Nordeifel übergeht, liegt der Struffelt, ein Naturjuwel, das selbst viele Einheimische erst auf den zweiten Blick entdecken. Dieses rund dreihundert Hektar große Naturschutzgebiet zwischen Rott und Roetgen ist Teil des deutsch-belgischen Naturparks Hohes Venn-Eifel und präsentiert sich im Winter als stilles, beinahe entrücktes Wandergebiet. Wer aus Aachen anreist, erreicht das Gebiet in einer halben Stunde, und wenn man die vertraute urbane Umgebung hinter sich lässt und sich in den Struffelt begibt, ist es, als würde man den Lautstärkeregler des hektischen Alltags ein Stück herunterdrehen.

Hier mischen sich Heideflächen, Moorreste, lichte Birkenhaine und dunkle Fichtenbestände zu einer Landschaft, die in der kalten Jahreszeit einen ganz eigenen Reiz entfaltet. Dann hängen oft Nebelschwaden über dem niedrigen Heidekraut, feine Eiskristalle überziehen die Gräser, und zwischen den sanften Hügeln glitzern kleine Wasserläufe.

Ein beliebter Ausgangspunkt für Wanderungen ist der Parkplatz an der Struffelt-Kapelle bei Rott. Von hier aus führt ein etwa sechs Kilometer langer Rundweg über Holzbohlen und schmale Pfade durch die offene Heidelandschaft bis hinauf zu den Aussichtspunkten oberhalb der Dreilägerbachtalsperre. Bei klarer Luft reicht der Blick weit über das Tal und die Hügelzüge der Nordeifel. Der Weg ist auch im Winter leicht begehbar und bietet sich daher als ideale Alternative zu den anspruchsvolleren Touren im belgischen Hochmoor an. Wer etwas mehr Zeit mitbringt, kann von Rott oder Roetgen aus eine längere Schleife durch das Gebiet wandern, vorbei an den alten Entwässerungsgräben und hinauf zum Struffeltkopf, wo sich das Gelände öffnet und die Landschaft in weichen Linien in Richtung Belgien übergeht.

Besonders reizvoll ist die Stille des Struffelt an frostklaren Tagen, wenn der Schnee die Heidelandschaft dämpft und nur das Knacken gefrorener Äste das Schweigen unterbricht. Mit etwas Glück zeigt sich ein Reh am Waldrand oder ein Bussard kreist über der offenen Fläche. Das Gebiet ist in jeder Jahreszeit zugänglich, doch im Winter offenbart es eine fast intime Schönheit, die jenseits touristischer Betriebsamkeit liegt. So ist der Struffelt nicht nur eine Ergänzung zu den weiten Hochmoorlandschaften des Hohen Venns, sondern ein eigenständiges Erlebnis: ein Stück Eifelnatur in ihrer sanften, unaufgeregten Form.

Das Hohe Venn: Ein winterlicher Sehnsuchtsort

Im Sommer ein Ort vibrierender Farben, summender Insekten und glitzernder Wasserflächen, zeigt sich das Venn im Winter von seiner stillen, fast mystischen Seite. Dann liegt über den weiten Flächen ein Schweigen, das nur vom Knirschen der eigenen Schritte und vom Pfeifen des Windes durchbrochen wird. Die Holzstege, die das Moor durchziehen, führen wie schmale Bänder durch eine Welt aus gefrorenem Gras, silbrigem Eis und dunklen Wasseraugen. Wer hier unterwegs ist, spürt unweigerlich eine Demut gegenüber der Natur und erlebt, wie wohltuend es sein kann, einfach nur zu gehen, ohne Ziel, ohne Eile.

Hohes Venn